33. Prämierungsrunde des Pegasus-Leserpreises 2021

Goldener Lufti - Becky Albertalli/Adam Silvera: Was ist mit uns?

Jurybegründung:

„Was ist mit uns?“ von Becky Albertalli und Adam Silvera

„New York muss ein eigener Planet sein, denn – ich schwöre es – niemand sieht auch nur ein zweites Mal hin.
Außer.
Einem Jungen, der gerade mit einem Paket in den Händen auf den Eingang zusteuert. Buchstäblich wie angewurzelt bleibt er stehen, als die beiden an ihm vorbeilaufen. Er schaut so verdutzt drein, dass ich lachen muss.
Und da fällt sein Blick in meine Richtung.
Und er lächelt.
Und: heilige Scheiße. Ich mein’s ernst. Heilige Scheiße im Himmel. Süßester Typ aller Zeiten.“

Als Arthur am Montag, dem 9. Juni, vor einem New Yorker Postamt Ben zum ersten Mal sieht, trifft es ihn wie ein Schlag. Denn ja, Arthur glaubt an Liebe auf den ersten Blick, und Ben ist einfach perfekt. Zerzauste hellbraune Haare, Sommersprossen und: er datet Typen. Für Arthur ist das eindeutig das Zeichen des Universums. Doch dann verschwindet dieser Junge mit dem Paket ohne sich zu verabschieden. Arthur findet, dass das Universum manchmal nach einem Plan B verlangt.

„Was ist mit uns?“ ist ein New Adult Roman aus der Feder von Becky Albertalli und Adam Silvera. Die Hauptfiguren Arthur und Ben sehen sich und es ist Liebe auf den ersten Blick. Trotzdem ist der Roman weder kitschig noch langweilig, denn ihre Liebe muss viele Hürden überwinden. Beispielsweise, dass Arthur am Anfang nur einen zerknüllten, halb ausgefüllten Adressaufkleber von Ben hat. Was die Geschichte nachvollziehbar und lebensnah macht, ist, dass nie übertrieben wird. Sie ist romantisch, jugendlich durcheinander und manchmal auch unangenehm. Nicht zu lesen, sondern für die Figuren. Eben ganz genau so, wie es im wahren Leben auch ist. Durch die tolle Erzählweise kann man sich mit den Figuren identifizieren. Man kann ihre Handlungen, ihre Gedanken und Gefühle verstehen und sich voll und ganz in die Geschichte hineinziehen lassen.

„What if it’s us?“ (Was, wenn wir es sind?) ist der Originaltitel des Buches und vielleicht trifft dieser den Inhalt noch besser als der deutsche Titel. Es geht nämlich nicht nur darum, was mit den beiden Hauptfiguren passiert, sondern es wird die jugendliche Unsicherheit, die sich in fast allen Lebenslagen findet, gespiegelt. Es geht nicht nur um die beiden als Paar, es geht auch um jeden Einzelnen. Um die Fragen, die man sich als Jugendlicher stellt und mit denen man versucht, seine eigene Identität herauszufinden. Wer bin ich? Wer will ich sein? Was will ich machen?

Alles in allem ist „Was ist mit uns?“ ein absolut gelungener Jugendroman über die Liebe und das Leben. Es ist eine der wenigen Erzählungen, die das Leben aufzeigt, ohne dabei zu sehr zu romantisieren oder übermäßig schwarzzumalen. Der Leser fühlt sich verstanden und findet sich in den Figuren und den Situationen wieder. „Was ist mit uns?“ wurde verdient mit dem Goldenen Lufti ausgezeichnet.

Silberner Lufti - Antje Babendererde: Schneetänzer

Jurybegründung:

„Schneetänzer“ von Antje Babendererde

Es gibt Orte auf der Welt, die einen verändern können, doch dass ich mich an solch einem Ort befand, war mir in diesem Moment nicht bewusst. Endstation hatte das Mädchen gesagt. Für sie vielleicht, aber mir kam es plötzlich so vor, als stünde ich erst am Anfang meiner Reise.

Gerade einmal vier Wochen vor den Abiturprüfungen, bricht alles, was der 18-jährige Jacob bis dahin über sich zu wissen glaubte, in sich zusammen. Ausgerechnet sein verhasster Stiefvater deckt auf, dass Jacob sein Leben lang von seiner Mutter belogen wurde und gar nicht das Ergebnis eines One-Night-Stands ist. Völlig aufgewühlt und von Wut erfüllt, bricht er Hals über Kopf auf und macht sich aus seiner Heimatstadt Frankfurt auf den Weg in den Norden Kanadas, um seinen Vater, die vollständige Wahrheit und vor allem sich selbst zu finden.


Nach einer Reihe unglücklicher Vorkommnisse landet er aber nicht im Haus seines Vaters, einem Mitglied der Cree-Indianer, sondern im eisigen kanadischen Winterwald. Als er dann Opfer eines Bärenangriffes wird, scheint bereits alles verloren, doch in letzter Minute wird er von der unnahbaren Kimi gerettet.


Sie nimmt Jacob in ihrer einsamen Hütte auf und pflegt ihn zusammen mit ihrem Großvater, bis es ihm wieder möglich ist, die Suche fortzusetzen. In der gemeinsamen Zeit, umgeben von der rauen Natur, entwickeln sich nicht nur zarte Gefühle zwischen den beiden Jugendlichen, auch sie selbst entwickeln sich weiter und lernen viel über den anderen, dessen Vergangenheit und dessen Kultur. Allerdings verkompliziert sich auch die Gesamtsituation und es stellt sich die Frage, wie die Zukunft aussehen wird, für Kimi, Jacob, seine Familie, die kanadischen Ureinwohner und ihre junge Liebe.

An Antje Babendererdes Buch fallen das besonders liebevoll gestaltete Cover und die dazu passenden Kapitelüberschriften auf. Es gibt auch eine positive Überraschung: „Schneetänzer“ wurde mit dem „Blauen Engel“ ausgezeichnet. Das bedeutet, das Buch wurde ressourcenschonend, umweltfreundlich sowie emissionsarm hergestellt und besteht zu einem Großteil aus Altpapier.


Der Schreibstil der Autorin ermöglicht ein flüssiges Lesen und geht mit großer Bildgewalt einher.
Ein Kritikpunkt ist der recht langwierige Einstieg, der auch später nur in wenig spannungsreiche Handlung übergeht. Wenn man erst einmal mitten im Buch steckt, ist das aber schnell vergessen, da sowohl Neben- als auch die beiden Hauptcharaktere unglaublich stark ausgestaltet und von ihrer individuellen Lebensgeschichte geprägt sind. Man hat das Gefühl, die Menschen wirklich kennenzulernen und Teil ihres Lebens zu werden, was durch die wechselnde Perspektive zwischen Jacob und Kimi noch verstärkt wird. Die eingearbeitete Liebesgeschichte steht nicht zu dominant im Vordergrund. Die Erzählung ist sehr facettenreich. Es geht nicht nur um Liebe, sondern auch um die Suche nach Identität, um Alkohol- und Drogenmissbrauch, verschiedene Ernährungsweisen, Massentierhaltung und vor allem um die kanadischen Ureinwohner, die Cree-Indianer und deren Unterdrückung.


Es werden viele Themen angesprochen, alle sind sehr glaubwürdig präsentiert und nicht mit einer Menge an Informationen überfrachtet. Man merkt deutlich, dass die Autorin sich intensiv mit gerade diesem kanadischen Gebiet und seinen Problemen auseinandergesetzt hat.


Besonders gelungen ist die Darstellung der verschiedenen Kulturen von Kimi und Jacob. Man bekommt selbst ein Gespür dafür, wie anders und doch ähnlich das Leben der Anderen sein kann. Positiv anzumerken ist vor allem das Thema Fleischkonsum. Denn der vegetarisch lebende Jacob, muss im Norden lernen, wie wichtig das Fleisch für ihn sein kann, und dass es durchaus andere Wege gibt als Massentierhaltung.


„Schneetänzer“ ist ein gelungenes Jugendbuch, das sich durch tiefgründige Charaktere und vielfältige, interessant erzählte Themengebiete auszeichnet. Deshalb bekommt das Buch von uns den Silbernen Lufti.

Bronzener Lufti - Susan Kreller: Elektrische Fische

Jurybegründung:

„Elektrische Fische“ von Susan Kreller

„Ich glaube, ein Abschied beginnt spätestens dann, wenn man genau zählen kann, wie oft man sich noch sehen wird.“

Ihr Leben verändert sich schlagartig, als die Teenagerin Emma mit Familie vom belebten Dublin in ein kleines Dorf in Mecklenburg-Vorpommern ziehen muss. Wenn die deutsche Mutter wieder bei den eigenen Eltern leben will, bleibt nichts anderes übrig, als Irland zu verlassen.


Der Umzug fällt dennoch der ganzen Familie schwer. Emmas kleine Schwester verweigert das Sprechen, Emma wird von unglaublichem Heimweh geplagt und selbst ihre Mutter scheint Schwierigkeiten beim Einleben zu haben. Dazu kommt, dass die Kinder nun bei völlig Fremden leben, nämlich bei ihren deutschen Großeltern, zu denen sie überhaupt keine Beziehung haben.


Emma fühlt sich, als wäre sie aus ihrer Heimat gerissen worden. Sie vermisst ihr Zuhause, die irischen Großeltern, ihre Freunde und selbst die Ostsee kann für sie nicht an den Atlantik herankommen.


Schnell wächst in ihr deshalb der Gedanke, einfach abzuhauen und nach Irland, in ihre Heimat, zurückzureisen.
Der einzige Mensch, mit dem sie sich langsam und vorsichtig anzufreunden beginnt, ist Levin. Er besucht die gleiche Schule wie sie und bietet Emma schon bald seine Hilfe dabei an, einen Fluchtplan zu schmieden.
Doch während die Monate vergehen und der Plan Form annimmt, verändert auch Emma sich. Tag für Tag erscheint ihr der Klang der Ostseewellen nicht mehr ganz so falsch, Tag für Tag gewöhnt sie sich mehr daran, Deutsch zu sprechen. Und vor allem versteht sie sich immer besser mit Levin und findet in ihm einen echten Freund, der gar nicht mehr zu wollen scheint, dass Emma das Land verlässt.

„Elektrische Fische“ ist ein Buch voller Gefühle. Durch die bedeutungsschwere und fein abgestimmte Wortwahl der Autorin bekommen die Emotionen eine große und mitnehmende Bildkraft. Dabei werden verschiedene Themen berührt. Emma hat mit Trauer, Sehnsucht und Heimweh zu kämpfen, während Levin beispielsweise das Leben mit einer psychisch kranken Mutter meistern muss. Vor allem die Frage nach der Heimat, was das eigentlich ist und wie unterschiedlich sie empfunden wird, stellt Susan Kreller sehr überzeugend dar. Emmas Welt geht dem Leser unter die Haut.


Allerdings ist die Grundstimmung des Buches recht eintönig und durchgehend nur von Traurigkeit gefüllt, weshalb die Geschichte insgesamt leider etwas deprimierend ist.


Im Ganzen kommt durch die weitgehend fehlende Handlung auch kaum Spannung auf. Erst zum Ende des Buches wird Bewegung in die Situation gebracht, doch leider ist dieses Ende dann nur geringfügig ausgeschmückt und kommt viel zu plötzlich und abrupt.


Positiv zu vermerken ist, dass das ganze Buch sehr real erscheint. Vor allem die Handlungen beziehungsweise Entscheidungen der Charaktere wirken einfach menschlich. Trotzdem ist es teilweise schwer, sich in die Charaktere hineinzuversetzen, was wohl vor allem daran liegt, dass diese nur wenig Tiefgründigkeit besitzen. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive der Protagonistin, es gibt kaum Dialoge. Auf der einen Seite ist es dem Leser so möglich, einen tiefen Einblick in Emmas Gefühlswelt zu erlangen. Andererseits erfährt man nicht viel über die übrigen Charaktere. Ihnen wird kaum eine richtige Persönlichkeit verliehen und gerade bei Levin wäre es schön gewesen, ihn besser kennenzulernen.


Was sehr gut gelungen ist und die Geschichte zwischendurch immer wieder ein bisschen auflockert, sind die unterschiedlichen Blickwinkel, also die irische Denkweise zu deutschen Sitten und andersherum. Gleichzeitig werden auch die Nachwirkungen der DDR angesprochen, sodass hier und da kleine Absurditäten aufgedeckt werden, wie zum Beispiel das Wort „Essengeldturnschuhe“, das Emma eines Tages entdeckt.


„Elektrische Fische“ ist ein Buch, das zum Nachdenken anregt. Leider enthält es aber nur wenig Handlung und die Charaktere hinterlassen nur einen blassen Eindruck.


Von uns kriegt das Buch deshalb den Bronzenen Lufti.

Lauer Lufti - Shannon Dunlap: We will fall

Jurybegündung:

„We will fall” von Shannon Dunlap

„Es ist so: Wir gewöhnen uns an, eine Geschichte so zu drehen, dass wir die Helden sind. Tun wir etwas Gutes, dann liegt es daran, dass wir gut sind; tun wir etwas Schlechtes, dann ist das eine entschuldbare Verfehlung, […]. Dabei ändert das nichts an der Tatsache, dass wir manchmal Gutes und manchmal Schlechtes tun. Daran, dass keiner von uns ohne Schuld ist.“

Izzys Freude über den Umzug ihrer Familie von Manhattan nach Brooklyn ist nicht gerade groß. Zusätzlich zu der neuen Umgebung und der plötzlichen Außenseitersituation als Weiße, zieht sich ihr Zwillingsbruder mehr und mehr zurück. Izzy fühlt sich immer einsamer, bis sie zufällig Tristan kennenlernt.


Die beiden spüren von Anfang an eine besondere Verbindung zueinander, die sich noch verstärkt, als sie auch in der nun gemeinsamen Schule mehr Zeit miteinander verbringen.


Tristan selbst lebt bei seiner Tante und ist ein begnadeter Schachspieler. Genau aus diesem Grund hat sein furchteinflößender Cousin und Ganganführer Marcus ihn unter seine Fittiche genommen, um mit den Spielen Geld zu verdienen. Tristan ist sehr zurückhaltend und lebt zwar sicher, doch im ständigen Schatten seines Cousins.
Als Marcus plötzlich Izzy als seine zukünftige Freundin aussucht, wird die Beziehung zwischen Izzy und Tristan auf eine schwere Probe gestellt. Tristan hat Angst, dem impulsiven Marcus seine Liebe für Izzy zu gestehen, sodass die beiden sich immer mehr in einem gefährlichen Lügennetz verstricken …


Tristan und Isolde. Tristan und Izzy. In Anlehnung an die jahrhundertealte Legende, schreibt Shannon Dunlap eine moderne tragische Liebesgeschichte.


Diese wird abwechselnd aus drei Perspektiven erzählt. Die Hauptcharaktere sind natürlich Izzy und Tristan, doch auch eine gemeinsame Freundin von ihnen kommt immer wieder zu Wort.


Tristan, Izzy und Brianna sind Schach-Figuren zugeordnet. Der Springer, die Königin und der Turm treffen Entscheidungen, machen gute Züge, schlechte Züge und müssen mit den Folgen leben.


Der Schreibstil der Autorin sorgt dafür, dass das Lesen nicht schwerfällt. Doch leider wirkt die Gestaltung der Charaktere dem etwas entgegen. Nicht nur die Neben-, sondern auch die Hauptcharaktere scheinen nur sehr schwach ausgearbeitet und hinterlassen keinen bleibenden Eindruck. Izzy gleicht der typisch einfach gestrickten Jugendbuch-Heldin, während Tristan fast vollständig durch seine dauernde Zurückhaltung und die Angst vor Marcus geprägt ist.


Der Großteil der Handlung ist enttäuschenderweise nicht gerade mitreißend. Erst zum Ende hin werden Emotionen angesprochen. Wenn man allerdings die Legende von Tristan und Isolde kennt, ist der Ausgang des Buches schon lange vorhersehbar. Ist dies nicht der Fall, scheint die Auflösung der Geschichte übereilt und plötzlich, gar unlogisch.


Trotz der eher flachen Charakterzeichnung nimmt man den Hauptfiguren ihre Gefühle zueinander gern ab. „We will fall“ ist eine interessante Liebesgeschichte über Freundschaft und Lügen, die allerdings an vielen Stellen ihre Schwächen hat. Es bekommt von uns den Lauen Lufti.